Sind viel verstreut wie Hütten in den Winter.
Und Nächte ohne Leuchten, ohne Stunden,
Und grauer Morgen ungewisser Bilder.
Sommerzeit, Herbstzeit, alles geht vorüber,
Und brauner Tod hat jede Frucht ergriffen.
Und andre kalte Sterne sind im Dunkel,
Die wir zuvor nicht sahn vom Dach der Schiffe.
Weglos ist jedes Leben. Und verworren
Ein jeder Pfad. Und keiner weiß das Ende,
Und wer da suchet, daß er Einen fände,
Der sieht ihn stumm und schüttelnd leere Hände.
ein gedicht aus dem nachlass von GEORG HEYM, dem ich immer wieder innigstens zugetan bin und von dem ich mir jetzt die gesamtausgabe besorgt habe, 1968 herausgekommen bei ellermann in münchen. sechs bände sollten es werden, nur vier sind damals erschienen. in band 1 befinden sich die lyrik, die nachgelassenen gedichte, entwürfe, fragmente, fassungen usw., auch ein paar faksimilierte seiten und fotos, die sehr verschattet wirken, schwarzweiß eben, mit dunklen schattierungen (heyms physiognomie erscheint auf ihnen wie eine mischung aus junger brecht und junger kafka, und das isser ja quasi auch), sowie dokumente der zeit, darunter die ankündigungen des NEOPATHETISCHEN CABARETS, das um 1910 ff. einmal in der woche im berliner westen anberaumt war. ich bin mir nicht sicher, ob man in hundert jahren das personal der heutigen berliner lesebühnen mit ähnlicher anbetungsbereitshaft betrachten wird.
heym bekanntlich starb 1912, 24jährig, im eis des wannsees, in das er eingebrochen war bei dem versuch, einen freund zu retten. bis dahin hatte er nur einen schmalen band gedichte veröffentlicht sowie ein paar novellen. im nachlaß fand sich ein haufen zettel, ein zentner, heißt es, der nicht nur schwer, sondern auch schwer leserlich war. teile davon wurden nach seinem tod, kühn und freehand interpretiert, veröffentlicht. das gedicht stammt aus diesem konvolut, oben wiedergegeben nach meiner alten ddr-ausgabe, herausgegeben von stephan hermlin, reclam 1976. die textfassung folgt den gesammelten gedichten, die in 1947 zürich erschienen sind. nun, in der gesamtausgabe, lese ich dies:
MITTE DES WINTERS
Und Nächte, ohne Leuchte, ohne Stunden,
Und grauer Morgen ungewisse Bilder.
Sommerzeit. Herbstzeit, alles geht vorüber
Und brauner (Tod) hat jede Frucht ergriffen.
Und andre kalte (Stauden) sind im Dunkel
Die wir nicht sahen von dem Dach der Schiffe.
Weglos ist jedes Leben. Und verworren
Ein jeder Pfad. Und keiner weiß das Ende,
Und wer da suchet, daß er Einen fände,
Der sieht ihn stumm, und schüttelnd leere Hände.
muß die heym-geschichte umgeschrieben werden, so wie die heym-gedichte umgeschrieben worden sind? kommas und punkte sind mit der schrotflinte im text verteilt, die grammatik kollabiert stellenweise, und neue wörter sind da, wo sie, meiner ansicht nach, nicht unbedingt sein sollten. nächte "ohne leuchte" sind etwas anderes als "nächte ohne leuchten". vor allem sind sie mir eher schnuppe. "und andre kalte sterne ... in dem dunkel / die wir zuvor nicht sahn vom dach der schiffe", wurden zu "stauden", zu "kalten stauden ... / die wir nicht sahen von dem dach der schiffe." bananenstauden? männertreu? "sterne" scheinen mir persönlich und planetarisch sehr viel relevanter zu sein als "kalte stauden", die irgendwer im dunkeln, zumal von einem schiffsdach aus, auf das er unbegreiflicherweise geklettert ist, nicht erkennen kann.
die verzweiflung von leuten, die oben auf ein schiff steigen, in der hoffnung, dort dem himmel näher zu sein, ist nicht ganz so albern und so uninteressant wie die von typen, die im dunkeln pflanzenbestimmungsversuche machen.
etwa nicht?
vermutlich ist hier die verklemmte pedanterie der philologie schuld, die alles richtig machen und die unleserlichen, hingeworfenen notizen archäologisch präzis, inklusive alle verstümmelungen und buchstabentorsi, restaurieren wollte. ist ja auch in ordnung, daß nicht jeder praktikant worte, die er nicht zu lesen vermag, nach gutdünken ergänzt. aber für den brutalsmöglichen punkt nach "sommerzeit" wünsche ich dem korrektor oder dem setzer oder allen beiden die poetische scharia an den hals, und für das komma hinter dem wort "stumm" am ende sollten sie am besten ... ja ... mal eine ewigkeit ... verstummen.
heyms tod geht mir, 100 jahre später, sehr nah. er war ja nicht die maliziös verspannte dichterexistenz, sondern durch und durch potente type: boxer, fechter, schwimmer, sehr vital, ein dichtender kraftprotz, und er lief schlittschuh – am 16. januar 1912 zusammen mit seinem freund ernst balcke, der plötzlich in ein wasserloch einbrach, das man für wasservögel ins eis gehackt hatte. heym, der helfen wollte, rutschte hinterher. er klammerte sich noch über eine halbe stunde verzweifelt an den rand der einbruchsstelle und rief um hilfe. waldarbeiter in der nähe hörten ihn noch lange schreien, unternahmen aber nichts oder konnten nichts unternehmen, weil sie sich nicht aufs eis wagten. ich war mal dort, am schwanenwerder, und besah die bäume, die als zeugen in betracht kommen. acht tage nach dem unglück zogen ihn fischer aus dem wasser. der leichnahm war "weiß und rosig wie das leben", heißt es in einem bericht.
es ist schön dort am schwanenwerder. so oder so.
Kommentiert von: Silvester | 01. Januar 10 um 21:25 Uhr