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28. Februar 10

Kommentare

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lieber herr kschube, ja, es sind mehr zeichen, aber nicht mehr als gefühlte 6.000. vielmals sorry und cigarrenasche auf meinen hauptaschenbecher. herzlich: r.w.

Lieber Herr Wieland,

das liest sich gut, und der Bezug zur Marienbader Elegie, ja, das trifft es. "Das Vaterland" ist ganz auf diesen Ton gestimmt, woraus man weitergehende Schlüsse ziehen könnte.

Aber Sie schummeln: "nicht länger als etwa 6000 Zeichen" stand zu lesen. Sie schreiben locker an die 10000.

Grüße nach Shanghai
Ihr Martin Kaschube

HACKS BEI DEN TALIBAN


Peter Hacks Gedicht „Das Vaterland“, ein Abgesang auf die DDR, ein Nachruf, ein Traum, man weiß es nicht genau, irritiert auf ganzer Linie. Kein Faktum, das in ihm erwähnt wird, trifft zu. Kein Argument, das es anführt, überzeugt. Alle Vergleiche, mit denen es arbeitet, hinken. Nichts stimmt. Und dennoch wirkt es, auf komische und zugleich anrührende Weise, vollkommen stimmig.

Es ist die Feier eines Staates als herausragenden („unter den Reichen dieser Welt“), der kurz vor der Niederschrift des Gedichts sang- und klanglos unterging, in die Knie gezwungen von Pfarrern und Dirigenten, verlassen von seinen Bewohnern. Es ist zugleich die Rühmung eines unbekannten SED-Funktionärs, Alfred Neumann („kaum einer ist mehr“), dessen politische Laufbahn weithin wirkungslos verlief. Und es lobpreist einen schmucklosen und halbwegs funktionalen Grenzzaun, die Berliner Mauer („der Erdenwunder schönstes“), als Superlativ sämtlicher Architekturen der Weltgeschichte. Alle Tatsachen, die das Gedicht besingt und als bewundernswert herausstellt, sind seltsame Phantasmen. Zeile für Zeile werden neue Schönheiten, ungeahnte Vorzüge, Erfolge dieses einzigartigen „Vaterlandes“ herausgestellt, deren Exklusivität allerdings nicht ausreichte, es vor Verfall und Niedergang zu bewahren. Der „Todesstoß“, ist zu erfahren, er kam von außen, von der „Sowjetmacht“, „Schuld trug der KGB“.

Eine tragische Konstellation, eine merkwürdige auch, denn trotz seiner ruhmreichen Großartigkeit war dieses Vaterlandsgebilde offenbar nicht überlebensfähig. Der Verfasser trauert, der Verfasser würdigt, er ordnet es ein in die Geschichte, und in seiner Rangfolge aller Länder, Staaten und Weltreiche setzt er es nach ganz oben. Mag sein, er verfährt, wie in Nachrufen üblich, nach dem Motto De mortuis nihil nisi bene. Grabreden sind selten Abrechnungen. Und im Fall der DDR, die hier besungen und über alle Maßen gepriesen wird, ist Hacks der einzige namhafte Nekromant, der sich an die jahrtausendalte Gepflogenheit zu halten scheint. Landauf, landab und weltweit überwiegen Häme und Mäkelei. Hacks, durchaus wissend um Schwächen und Schwachsinn seines hingegangenen „Vaterlandes“, rühmt. Nach der Lesart sind es allein Höflichkeit und Gesittung, die ihn dieses Bild der DDR der Nachwelt überliefern lassen.

Müßig wäre es, auf Richtigstellung von Einzelheiten zu pochen, die hier pedantisch wirken würde: undichte Dächer etwa, Staatsschulden, die Verklappung von Volkseigentum und zahllose Verdrießlichkeiten, welche ja eben nicht „von Fürst und Volk“ geteilt wurden. „Fürst“? Und „Volk“? Ein veraltetes Vokabular, zu dessen Überwindung die DDR einst angetreten war. Die DDR? Sie wird nirgends erwähnt – eine interessante Vermeidung, eine Drift ins Allgemein-Poetische. Der Name „Preußen“ fällt, ein Staat, den Hacks überaus schätzte. Ebenso „Hellas“, das klassische Griechenland. Beide Staaten, historisch perdu, bilden offenbar eine ideale Reihe mit dem „Vaterland“, das, nach allem, vollkommene Züge trägt. Womöglich handelt es sich um ein Wunschgebilde des Autors, um einen Traum vom „Vaterland“? Die DDR – war sie das Bettgestell, in dem der Dichter einschlief?

Der Realitätsbezug des Gedichts ist jedenfalls fragil. Es wimmelt von märchenhaften Dingen. Ein „Einhorn“ eröffnet den Reigen. „Reiche“ kommen vor. Sogar „Seelen“ sind vorhanden. Die Verheißungen des Gedichts laufen ins Imaginäre. Alles ist voller „Ahnungen“ und „Planungen“. Konkret heißt es: „Wer reifen wollte, war befugt zu hoffen“ – was immer das heißt. „Das Vaterland“ ist eine Idylle des Möglichen, ein Paradies in spe. Seine Schönheit liegt allein im Auge des Betrachters, der sich von Tatsachen einer vorläufigen Gegenwart nicht beeindrucken lässt. „Ich bin“, sagt Hacks öfter, „kein Tatsachenschriftsteller.“ Die Optik des Gedichts sieht überall mehr, als da ist. Mit dieser Brille, niemand wundert’s, wird selbst die Mauer schön.

Die Strophen, sie zu preisen, stehen im Zentrum des Gedichts. Der Dichter reiht die architektonischen Spitzenerzeugnisse der Weltgeschichte auf – die Pyramiden, den Kreml, Sanssouci, Versailles, den Tower, ferner „alle“ Schlösser, Burgen, Kathedralen –, nur um zu erklären, daß ein Rivale, bislang auf keinem Zettel, die Mauer nämlich, sie an Schönheit übertreffe. Wie, wodurch, in welcher Hinsicht sie die anderen überbietet, bleibt unerwähnt, und worin ihre Schönheit besteht, offen. Beschrieben wird die Mauer lediglich mit zwei Adjektiven, nämlich mit „schmuck“ und „fest“ sowie der schlagerähnlichen Wendung „Ich hab mein Herz an sie verloren.“

Auch hier wieder steht alles im Modus des Kontrafaktischen. Weder hatte die Mauer „schmucke Türme“ noch „feste Tore“. Sie „überstrahlte“ rein gar nichts, sondern musste ihrerseits angestrahlt werden. Als „Erdenwunder“ galt sie nirgends. Da jeder das weiß, auch Hacks natürlich, muß hier eine Provokation beabsichtigt, eine ironische Verkehrung am Werk sein, Negierung und Übertreibung, die jedoch nirgendwo aufgelöst oder erkennbar wird. Die Frage ist: Zwinkert Hacks? Oder er hat einen Augenfehler?

Die Verse sind der Intelligenztest des Gedichts. Wie unterscheiden sich die Bauwerke, die da namentlich genannt werden, von der Mauer? Worin besteht der Makel jener, worin liegen die Vorzüge dieser? Drei Sortierungen scheinen sich anzubieten: erstens zeichnen sich die renommierten Bauwerke aus durch einen Überschuß des Ästhetischen, sagen wir, des Symbolischen, des Ornaments – die Mauer hingegen war nur da, grauer Beton, ganz Zweck, eine Art Ding an sich; zweitens ließe sich sagen, sind jene Prunk- und Prachtbauten weltgeschichtlich bedeutsame und anerkannte Repräsentationen von Ausbeuterklassen und Unterdrückungsapparaten – anders als die Mauer, die lediglich Hilfselement einer neuen und gerechteren Gesellschaft war, des Sozialismus; und drittens benötigten, instrumentalisierten, ja missbrauchten Schlösser und Kathedralen Erhabenheit und Schönheit nur, um Menschen in ihren Bann zu schlagen, einzuschüchtern, zu überwältigen, wohingegen die Mauer dergleichen nicht nötig hatte. Das Wunder bestand demnach gerade darin, daß sie nicht schön zu sein brauchte.

Im ersten Fall ist Schönheit, die Hacks ausdrücklich in Bezug auf die Mauer ins Spiel bringt, der reine Funktionalismus: am schönsten wären dann Gefängnisse und Dichter „Ingenieure der Seele“. Im zweiten Fall ist nur schön, was politisch nützlich, und Hacks tritt auf als letzter Taliban der DDR. Im dritten Fall plädiert der Dichter für eine dialektische Schönheit neuen Typs, die, etwas bösartig, Banalität des Richtigen genannt sein könnte oder, wohlwollender, das Einfache, das leicht zu machen ist.

Die ersten beiden Varianten scheiden aus. Nach allem, was man weiß, erfüllte die Mauer keineswegs ihren Zweck. Sie erwies sich politisch als plump und wenig überzeugend. Bleibt nur die dritte Lesart, die immerhin erklärt, warum die Mauer überwacht und beschützt werden musste, eben weil sie niemanden abschreckte. Eine Mauer ist eine Mauer ist eine Mauer. Diese ambitioniert-unambitionierte Idee der Schönheit ist nicht unsympathisch, und sie leuchtet sogar ein: eine Art Bauhaus ohne Bauhaus, l’art pour l’art sans l’art. Man kann auch Materialismus dazu sagen. Dies im Kopf, lesen sich die grotesken Übertreibungen und Überhöhungen des Gedichts wie eine Feier der Normalität, des Banalen, alles dessen, was die DDR ausmachte. Das Graue, Trostlose und Einförmige des DDR-Alltags war nur ein Beweis seiner Stärke, die keiner Originalität, keiner Verzierungen, keiner Effekte bedurfte. Hier findet auch die Ironie, die das Gedicht überhaupt erst lesbar zu machen scheint, ihre Auflösung. Denn Schönheit ist nicht nur verdächtig, nicht nur überflüssig in einer Gesellschaft, die keine Sorgen kennt, sie ist ein Spaß. Sowohl Hacks als auch seine Leser (sollten) wissen, daß die DDR Superiorität oder so etwas wie Grandiosität gar nicht nötig hatte.

Ein Lob der DDR also, die auf kein Lob angewiesen war? So kann man es lesen. So muß man es lesen. So sollte man es lesen. Falls man nicht umhin kommt, es anders zu lesen. Auffällig bleibt nämlich, daß sie, die DDR, nicht beim Namen genannt wird. Warum? Tut er, der Name, nichts zur Sache? Kann er unterbleiben in einem Nachruf? Oder warum ist seine Nennung, bewusst oder nicht, unterblieben?

Die Nichterwähnung eines Namens im Nachruf ist alles andere als ein Lapsus. Sie bedeutet in der Regel nicht, daß er vergessen worden ist, sondern daß er vergessen werden möge. Warum aber hätte Hacks die DDR erst derart loben sollen, um sie dann totzuschweigen und durch Erwähnungsverweigerung für alle Ewigkeit zu düpieren?

Das Lob im Nachruf, was immer es sonst bezwecken, bedeuten und der Nachwelt berichten will, ist stets eines, das zu spät kommt, und somit eine ambivalente Partie. Ist es zu stark, schöpft man Verdacht, dass nur ein toter Guter ein guter Toter sei. Schon zu Lebzeiten war die DDR ein Land, das sich unermüdlich selbst lobte, lobhudelte und die Selbstanschleimerei bis zum Schluß enorm steigerte. Es ist eine auch poetisch beachtliche Leistung von Hacks, sie hier noch überboten zu haben. Sein Lob, Zeile für Zeile absurder werdend, lobpreist zu sehr. „Man weint um Hellas“? Alias Neubrandenburg? Irgendwann kommt bei jedem Lob der Punkt, wo es in blanke Häme umschlägt und Spott wird. An ironischen Lobreden ist in der Literatur weißgott kein Mangel. Hat Hacks mit seinem Lob auf den nicht weiter erwähnenswerten Dingsbums-Vaterlands-Staat eine weitere geschrieben? „Es ist ein Hochgenuß, von ihm zu sprechen“? – „Wer kann die Pyramiden überstrahlen?“ – „Fremd ist die Sonne, die mir heute leuchtet“? – „Der Erdenwunder schönstes war die Mauer“? – Was kann, was soll das andres als Verspottung sein?

Zwei Lesarten, jeweils mit eingebauter Ironie, und womöglich Bockfrage, welche man, je nach Neigung oder Klassenstandpunkt, wie es früher hieß, bevorzugt. Der Schluß des „Vaterlands“, in makelloser Konsequenz wie stets bei Hacks, hält diese Frage offen. Das Gedicht mündet in das – oder sollte man sagen: gipfelt in dem ultimativen Lob Alfred Neumanns, des einerseits ehren- und standhaftesten, andrerseits wirkungs- und einflußlosesten Politikers, den die DDR hatte.

PS
Hacks 1998, dem Jahr des Erscheinen des „Vaterlands“, in KONKRET auf die Frage, warum Brecht bei Gratulanten besser abschneide als Marx und Engels: „Das ehrliche Verfahren, einen Ruf zu morden, war das Totschimpfen. Die Frage zeigt, daß man inzwischen über zwei modernere Verfahren verfügt, das Totschweigen und das Totfeiern.“ Ein paar Zeilen weiter spricht Hacks vom „Kaputtjubeln“. Totschweigen oder Kaputtjubeln: Das sei „alles Jacke wie Hose“.

PPS
Kein Wort leider, ich weiß, zur Form, zu den kunstvollen Stanzen des Gedichts, zu seinem Vorbild, Goethes „Marienbader Elegie“ und ihrem „Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren“, sowie zur Frage, ob Ulrike von Levetzow am 7. Oktober 1949 reinkarniert sein könnte. Ein andermal.

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Was mich noch immer irritiert ist das personale Fragepronomen zu Beginn der 6. Strophe („Wer kann […] überstrahlen?“). Vielleicht hat André Thiele doch recht, wenn er behauptet, es gehe um die Schauspielerin Anika Mauer?
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Ha!

Lieber Herr Wieland,

hier meine kleine Interpretation. Grüße nach Schanghai:

„Das Vaterland“ und die Mauer

Peter Hacks veröffentlichte „Das Vaterland“ 1998 in 'konkret' im Rahmen seiner 'Jetztzeit'-Gedichte. Die Jetztzeit, das ist für Hacks die schlechte Gegenwart, in die er sich im Zuge der „Verschweinigungsverschweinigung“ (Gisela Elsner) von 1990 zurückgeworfen sah und die er in seinen in 'konkret' erschienenen Gedichten mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln angriff, denen der Literatur also. Alle in diesem Kontext erschienenen Gedichte Hacks' zeichnen sich durch eine deutliche Ironie aus, verweisen in ihren politischen Implikationen aber doch auf Hacks' politische Meinung als Gegner der 'Wende' und unbedingten Verteidiger der DDR.

Das elfstrophige Gedicht „Das Vaterland“ stellt eine Lobrede der DDR bzw. deren Sonderfall, eine Totenrede (laudatio funebris) dar und gehört somit zum Genre des Lobgedichts. Erinnert werden - nach einer einleitenden Strophe, welche den Rang der DDR durch Superlative hervorhebt - soziale Errungenschaften, Möglichkeiten persönlicher Entfaltung und der in die Zukunft offene Charakter der DDR (Strophe 2 bis 5). Es folgt die hier zur Diskussion stehende 6. Strophe, die in formaler Hinsicht das Zentrum des Gedichts besetzt und aufgrund der Verwendung zahlreicher Tropen zusammen mit der ersten einen Rahmen bildet. Sie markiert, bezogen auf das gesamte Gedicht, mit dem letzten Vers („Ich glaub ich hab mein Herz an sie verloren“) einen Perspektivwechsel und verkleinert zugleich den Gegenstand, von dem gesprochen wird (DDR→Mauer). Die Strophen 7 und 10 betonen dann die persönliche Anteilnahme des lyrischen Ichs, während politische Betrachtungen bezüglich der Ursachen des Untergangs der DDR in den Strophen 8 und 9 dazwischengeschaltet sind. Die letzte Strophe schließlich kehrt dann auch in der Tonart zum Ausgangspunkt des Gedichts zurück, um in das Lob der DDR auch ihre 'Gründerväter' mit aufzunehmen; bis dass Gedicht sich schließlich im letzten Vers als persönliche Widmung für Alfred Neumann zeigt. Neumanns proletarische Herkunft und kommunistische Biographie (Widerstand, Spanischer Bürgerkrieg, nationalsozialistische Haft) können als typisch für die Gründergeneration der DDR angesehen werden. Der Umstand, dass Neumann ein Förderer des 'Neuen ökonomischen Systems' Ulbrichts war, das Hacks bekanntermaßen als die historische Chance der DDR begriff, zeigt somit zwei unterschiedliche Ausgangsperspektiven des Gedichts: als Widmung für Neumann, die dessen politisches Handeln für die DDR hervorhebt und als Reminiszenz der DDR.

Die 6. Strophe funktioniert in ihrem Gestus der Übertreibung wie die 1. Strophe mit ihren mythischen, geologischen, kulinarischen, animalischen und massenkulturellen Vergleichen, weitet den Bereich der Bildspender aber in eine (kultur)historische und architektonische Dimension aus (Pyramiden, Kreml, Sanssouci, Versailles, Tower, Schlösser, Burgen, Kathedralen, Türme, Tore). Die historischen Bezüge sind verknüpft mit dem altägyptischen Königreich, der UdSSR, der Aufklärung, der französischen Klassik und dem englischen Absolutismus. Die genannten Bauwerke lassen sich zum 'architektonischen Erbe' der Menschheit zählen (tatsächlich sind sie alle Teil des UNESCO-Weltkulturerbes). Der Vergleich der auch architektonisch kaum schön zu nennenden Mauer mit diesen Gebäuden (wäre nicht, wenn es lediglich um den Charakter der Mauer ginge, die Chinesische Mauer oder der Limes naheliegender gewesen?) führt mittels der krassen Übertreibung (die Mauer als „Erdenwunder“) sowie der Verniedlichung (die 'schmucken' Türme) und Verkitschung („ich hab mein Herz an sie verloren“) zu Komik. So wird ein Umkippen ins Pathetische verhindert. Der Vergleich zielt deutlich auf die geschichtliche Geltung („Wer kann die Pyramiden überstrahlen?“); aber auch der verbissenste Freund der DDR wird eingestehen, dass die Mauer nicht eben zum historischen Ansehen der DDR beitrug und beiträgt, auch wenn er, wie Hacks, in einem Brief an Heinar Kipphardt meint: „Ohne die Mauer wären wir schon kaputt. Ich sage ja nicht, daß das für uns spricht, aber es ist so.“

Rayk Wieland fragt, ob Hacks hier eine „Fortsetzung der Poesie mit ideologischen Mitteln“ betreibe? Ja und nein. Hacks hat sich trotz aller künstlerischen Autonomiepostulate immer als politischer Autor verstanden. „Kunstfragen“ waren ihm stets auch „Ideologiefragen“, wie er bereits 1957 feststellte. In seinen Ausblendungen wirkt das Gedicht als Ganzes und die 6. Strophe im Besonderen zynisch; Hacks war bekanntlich für eine Moral jenseits der Soziologie wenig anfällig. Dennoch sind die Mittel der ironischen Übertreibung und Steigerung unübersehbar, was im Übrigen auch dem Genre der Panegyrik als sog. forma suadendi angemessen ist. Und man sollte nicht vergessen, dass Hacks die Lyrik zu den kleinen Gattungen zählte, denen er unbedingt das „Recht zur Einseitigkeit“ vorbehielt. Die DDR war das von Hacks 'auserkorene Vaterland' - mit allen ihren Übeln, zu denen eben auch die Mauer gehörte, weshalb sie im Gedicht auch ihren Platz hat. In diesem Sinne ist „Das Vaterland“ Rechtfertigungsliteratur mit einem spürbaren Zwinkern, eine kluge und auf die Leserschaft der 'konkret' abgestimmte Provokation, die – hält man sich die damalige öffentliche Aufnahme vor Augen – recht gut funktionierte.

Was mich noch immer irritiert ist das personale Fragepronomen zu Beginn der 6. Strophe („Wer kann […] überstrahlen?“). Vielleicht hat André Thiele doch recht, wenn er behauptet, es gehe um die Schauspielerin Anika Mauer?

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